Lifestyle MENTAL HEALTH

Wenn der Nebel sich lichtet- ein Leben (fast) ohne Venlafaxin

16. Oktober 2019

Es ist ziemlich krass, was grade passiert. Ich habe euch vor gut drei Wochen auf Instagram ein wenig mitgenommen auf meine Reise: Schluss mit Antidepressiva, nach 15 Jahren. Ausgangspunkt: 225mg Trevilor (Venlafaxin). Ziel: runter auf 0. Das Ganze hatte ich ein Jahre lang stufenweise durchgezogen, habe immer wieder 37,5 mg weniger genommen, alle drei Monate ca. Und an der letzten Hürde bin ich vor kurzem gescheitert. Wobei- Scheitern ist hier definitiv das falsche Wort.

Venlafaxin absetzen

Da die wenigsten Menschen wissen, welche körperlichen Zustände man beim Absetzen von Antidepressiva erlebt, habe ich meine Reise auf Instagram dokumentiert. Bei der Recherche habe ich gelernt, dass es dabei egal ist, ob Du ein Antidepressivum sechs Wochen oder sechs Jahre einnimmst- die Zustände sind immer sehr ähnlich.

15 Jahre Antidepressiva

Ja, solange habe ich schon mit diesen kleinen Pillen zu tun. Und ich habe hier auf dem Blog auch schon meinen Standpunkt dazu erörtert. Ich verteufele die Tabletten nicht. Wer so am Boden ist, dass nichts Anderes mehr hilft, der sollte sich die Unterstützung holen. Nur ist eben die Gefahr da, statt Therapie und Auseinandersetzen mit dem Ursprung der Depression, zu schnell dazu zu greifen.

 

Damals war ich beim Radio- nach Außen immer gut gelaunt..

 

Ich bin jetzt 36 – mit Anfang 20 begann ich, Antidepressiva zu nehmen. Ich kam damals ins Krankenhaus, mit der Diagnose “mittelschwere Depression und Panikattacken”. Ich fing an mit dem Medikament Citalopram, um morgens in den Tag zu kommen und nahm abends Remergil, zum Runterkommen. Tavor, ein Beruhigungsmittel, wenn die Panikattacken ganz schlimm waren. Ich nahm nach dem Krankenhausaufenthalt ungefähr 15 Kilo zu. Es folgten intensive Jahre mit einer Verhaltenstherapie und einem sogenannten Angstmodul. Die Panikattacken hatte ich damit gut im Griff. Als ich versuchte, abzusetzen, kam die Depression wieder. Ich ging wieder stationär und wurde auf Venlafaxin aufdosiert. Mittlerweile war ich Mitte 20. Ich begann eine tiefenpsychologisch basierte Therapie, um weiter an mir zu arbeiten- mich verstehen zu lernen.

Ein aufregendes Leben

Ich hatte immer ein sehr aufregendes Leben, positiv wie negativ. Ich war impulsiv, brach das Studium ab, heiratete mit 24, war mit 26 geschieden. Ich hatte sehr schwierige Partner, mit meiner Familie gab es immer wieder Probleme. Ich trank zuviel und ging zu viel feiern. Das alles wohlgemerkt unter Antidepressiva- die Hölle für meinen Körper, da sich Alkohol und Tabletten sehr schlecht vertragen. Trotzdem bin ich aber auch ein sehr lustiger Mensch, liebe es, andere zum Lachen zu bringen. Ich feiere guten Humor, ich bin die Königin der Wortspiele. Und das macht es für mein Umfeld auch so schwer, dieses Gefühlschaos zu verstehen…

Man ist nie NUR traurig. Es wechselt sich ab, wie bei “normalen” Menschen- nur sind die Tiefs viel viel schlimmer.

 

 

Angang 2012 lernte ich den Vater meiner Tochter kennen und wurde schnell schwanger. Zu dieser Zeit nahm ich jedoch immer noch 225mg Venlafaxin und wurde innerhalb von wenigen Wochen auf 0 abdosiert. Rückblickend weiß ich nicht, wie ich das schnelle Absetzen ausgehalten habe. Wahrscheinlich gab mir die Tatsache, dass ich ein Kind in mir trug, so viel Kraft, dass ich die Nebenwirkungen besser vertrug.

Ein Jahr nach der Geburt unserer wunderbaren Tochter wurde eine verschleppte Wochenbettdepression festgestellt. Ich musste ins Krankenhaus und das war mit Abstand der schlimmste Aufenthalt meines Lebens. Weil ich getrennt war von meinem liebsten Kind, meinem einzigen Sinn des Lebens damals. Innerhalb von vier Wochen wurde ich wieder hochdosiert auf 225mg Venlafaxin. Ich trennte mich kurze Zeit später von meinem Partner, zog um, baute mir ein neues Leben auf. Die Tabletten nahm ich bis vergangenes Jahr in genau dieser Dosierung.

HEUTE

Dann kam mein jetziger Mann. Und ich wollte wieder runter von dem Zeug.

Warum? Die Gründe sind vielfältig:

Ich habe über die Jahre massiv an Gewicht zugenommen. Venlafaxin hat beim Aufdosieren den Effekt, dass man abnimmt, weil der Körper viel verbrennt, auf Hochtouren kommt. Bei Langzeiteinnahme nehmen die meisten Patienten aber massiv zu. Bei mir sind es +15 Kilo. Eine Katastrophe für das Ego.

Auch sogenannte Missempfindungen machten mir zu schaffen. Ich war oft teilnahmslos, was mich sehr erstaunte, da ich eigentlich ein sehr sensibler Mensch bin. Vielen Menschen habe ich damit in meinem Leben vor den Kopf gestoßen, was mir sehr Leid tut. Und on Top das Gefühl, nicht man selbst zu sein. Wer bin ich ohne Tabletten? Diese Frage stellte ich mir mehr als ein Mal.

Ich bin angekommen. Mein Mann, meine Tochter, unser Leben- so wollte ich es immer. Ich habe jetzt schlicht und einfach die Kraft, abzudosieren.

 

 

Also, wieder von vorn. Abdosieren von 225mg, Angefangen vor gut eineinhalb Jahren nach meiner Kur. Es ging gut, war schwer, aber machbar. Bis ich zur 37,5 mg Grenze kam. Was da folgte, habe ich auf Instagram dokumentiert. Schwere Albträume, Schwitzen, Heulkrämpfe, Zaps (fühlt sich an wie Stromstöße). Es fühlte sich an wie ein Drogenentzug.

Seit zwei Wochen habe ich mich entschlossen, die 37,5 mg noch ein wenig beizubehalten.

Wie geht es mir jetzt?

Momentan erhole ich mich immer noch von dem letzten Versuch, die Tabletten ganz weg zu lassen. Und ich merke, wie ich auch mit 37,5 mg mit Dingen konfrontiert werde, die ich über Jahre gut verdecken oder verstecken konnte. Themen wie Eifersucht, Angst vorm Verlassen werden oder andere Mechanismen, die aus meiner Kindheit stammen. Ich hatte sie einfach weggedrückt, die ganzen negativen Empfindungen meiner Seele. Mir ging es zwar schlecht, aber mehr oberflächlich. Ich wusste nicht, warum. Ich musste aber schlicht funktionieren, als Alleinerziehende, da war kein Platz für so viel Selfcare.

Jetzt steht jeden Tag ein anderes Thema auf meiner Agenda, ich analysiere, beobachte, reflektiere. Wenn der Nebel sich lichtet, sieht man klarer. Aber eben nicht nur die Farben, die Freude, das Glück, sondern eben auch den Schmerz, die Abgründe, die Traurigkeit.

 

 

Ausblick

Wie es weitergeht? Ich habe kommende Woche einen Termin im hiesigen Bezirksklinikum. Dort möchte ich mich einer Magnetstrahlentherapie unterziehen. Diese hilft vielen Patienten bei Depressionen.

Ich halte Euch auf dem Laufenden.

#fingerscrossed

 
 

  • Reply
    Belinda
    19. Oktober 2019 at 8:18

    Hey Sister!♥
    Du schreibst mir aus der Seele.
    So so schnell sind die Tabletten auf dem Tisch des Arztes. Jahre habe ich mich dagegen gewehrt, um mich dann doch ruhig zustellen.
    Seit 2014 in Behandlung und 30 Kilo mehr. Und JA, es kratzt am Ego!
    Danke für deine Offenheit.
    Liebe Grüße
    Belinda

    • Reply
      heysister
      19. Oktober 2019 at 13:48

      Liebe Belinda!
      Ich versteh dich so gut. Und auch für mich ist es interessant, andere Geschichten zu hören. Denn ich stelle fest: ich habe IMMER mehr Geduld/Liebe/Nachsicht mit anderen Menschen. Wieder was gelernt für meine eigene Akzeptanz!
      Fühl Dich gedrückt!
      Susi

  • Reply
    Jules
    17. Oktober 2019 at 0:50

    So so mutig!!! Danke, dass du das mit uns/mir teilst!

    • Reply
      heysister
      17. Oktober 2019 at 8:40

      Danke liebe Jules! Ich freue mich, dass der Beitrag sich so gut verbreitet und das Feedback überwiegend positiv ist.
      So macht das jahrelange Strugglen endlich Sinn- wenn Andere lernen können, was ein Leben mit Depression bedeuten kann oder einfach wissen: ich bin nicht allein.
      Liebe Grüße <3 Susi

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