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Venlafaxin absetzen: wenn der Nebel sich lichtet..

Es ist ziemlich krass, was grade passiert. Ich habe euch vor gut drei Wochen auf Instagram mitgenommen auf meine Reise: Schluss mit Antidepressiva, nach 15 Jahren. Ich wollte endlich mein Medikament Venlafaxin absetzen. Ausgangspunkt: 225mg, Ziel: runter auf Null. Das Ganze hatte ich ein Jahr lang stufenweise durchgezogen, habe immer wieder um 37,5 mg reduziert. Und an der letzten Hürde bin ich vor kurzem gescheitert. Wobei.. scheitern ist hier definitiv das falsche Wort.

Venlafaxin absetzen

Da die wenigsten Menschen wissen, welche körperlichen Zustände man beim Absetzen von Antidepressiva erlebt, habe ich meine Reise auf Instagram dokumentiert. Bei der Recherche habe ich zunächst gelernt, dass es dabei fast egal ist, ob Du ein Antidepressivum sechs Wochen oder sechs Jahre einnimmst. Die Zustände sind immer sehr ähnlich. Mein Psychiater allerdings sieht das etwas anders: nach einer jahrelangen Einnahme sei es für den Körper noch viel schwieriger, sich umzustellen. Leuchtet ein.

15 Jahre Antidepressiva

15 Jahre. Ja, solange habe ich schon mit diesen kleinen Pillen zu tun. Ich verteufele die Tabletten nicht. Wer so am Boden ist, dass nichts Anderes mehr hilft, der sollte sich die Unterstützung holen. Nur ist eben die Gefahr da, statt Therapie und Auseinandersetzen mit dem Ursprung der Krankheit, zu schnell dazu zu greifen bzw. von Ärzten dazu gedrängt zu werden. Hauptsache, der Mensch funktioniert wieder, so macht es leider oft den Anschein.

Damals war ich beim Radio- nach Außen immer gut gelaunt..

Ich bin jetzt 36 Jahre alt. Mit Anfang 20 bekam ich die Diagnose Mittelschwere Depression und Panikattacken. Bei meinem ersten Krankenhausaufenthalt wurde ich auch gleich mit Tabletten stabilisiert, da es mir sehr schlecht ging. Es folgten einige Jahre mit einer ambulanten Verhaltenstherapie, um herauszufinden, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Wo die Probleme liegen, welche Erlebnisse mich geprägt haben und wie ich sie hinter mir lassen kann. Ich wurde wieder stabil. Als ich versuchte, die Medikamente abzusetzen, kam die Depression zurück. Ich ging wieder ins Krankenhaus und wurde auf Venlafaxin aufdosiert. Mittlerweile war ich Mitte 20. Ich begann eine tiefenpsychologisch basierte Therapie, um weiter an mir zu arbeiten- mich verstehen zu lernen.

Schwangerschaft

Angang 2012 lernte ich den Vater meiner Tochter kennen und wurde schnell schwanger. Zu dieser Zeit nahm ich jedoch immer noch 225mg Venlafaxin und wurde innerhalb von wenigen Wochen auf 0 abdosiert. Rückblickend weiß ich nicht, wie ich das schnelle Absetzen ausgehalten habe. Wahrscheinlich gaben mir die Hormone und die Tatsache, dass ich ein Kind in mir trug, so viel Kraft, dass ich die Nebenwirkungen besser verarbeiten konnte.

Ein Leben ohne Venlafaxin? Schwierig

Ein Jahr nach der Geburt unserer wunderbaren Tochter der nächste Tiefpunkt: eine “verschleppte Wochenbettdepression” zwang mich in die Knie. Heute weiß ich nicht, ob das nur der verspätete Entzug vom Venlafaxin war oder tatsächlich ein Rückfall. Ich trennte mich kurze Zeit später von meinem Partner, zog um, baute mir ein neues Leben auf. Die Tabletten nahm ich bis vergangenes Jahr in genau dieser Dosierung.

HEUTE

Dann kam mein jetziger Mann. Und ich wollte wieder runter von dem Zeug. Die Gründe sind vielfältig. Zum einen habe ich über die Jahre massiv an Gewicht zugenommen. Venlafaxin hat beim Aufdosieren den Effekt, dass man abnimmt, weil der Körper viel verbrennt, auf Hochtouren kommt. Bei der Langzeiteinnahme nehmen die meisten Patienten aber zu, da der Stoffwechsel komplett runterfährt. Bei mir zeigt die Waage mittlerweile +20 Kilo und ich mag nicht mehr.

Nebenwirkungen von Venlafaxin

Außerdem kann ich auch keinen positiven Effekt der Tabletten mehr feststellen. Der Antrieb wird weniger, ich bin müde und mein Körper scheint sich schlicht an das Medikament gewöhnt zu haben. Dazu kommen weitere körperliche Probleme. Und schließlich fühlt sich nicht nur mein Körper, sondern auch meine Seele von der ständigen Medikamenteneinnahme verändert an. Wer bin ich ohne Tabletten? Diese Frage stelle ich mir immer wieder.

Ich bin angekommen. Mein Mann, meine Tochter, unser Leben- so wollte ich es immer. Ich habe jetzt schlicht und einfach die Kraft, abzudosieren.

Venlafaxin absetzen

Also, wieder von vorn. Abdosieren von 225mg, Angefangen vor gut eineinhalb Jahren nach meiner Kur. Es ging gut, war schwer, aber machbar. Bis ich zur 37,5 mg Grenze kam. Was dann folgte- war schrecklich. Schwere Albträume, tiefe Traurigkeit, Panikattacken, Schwitzen, Weinkrämpfe, Zaps (fühlen sich an wie Stromstöße). Ganz ehrlich: so stelle ich mir einen Drogenentzug vor. Nach einer Woche hielt ich es nicht länger aus und nahm die 37,5 wieder.

Wie geht es mir jetzt?

Momentan erhole ich mich immer noch von dem letzten Versuch, die Tabletten ganz weg zu lassen. Und ich merke, wie ich auch mit 37,5 mg mit Dingen konfrontiert werde, die ich über Jahre gut verdecken oder verstecken konnte. Ich hatte sie einfach weggedrückt, die ganzen negativen Empfindungen meiner Seele. Mir ging es zwar schlecht, aber mehr oberflächlich. Ich wusste nicht, warum, aber ich musste schlicht funktionieren, als Alleinerziehende. Da war kein Platz für so viel Selfcare. Jetzt steht gefühlt jeden Tag ein anderes Thema auf meiner Agenda. Ich analysiere, beobachte, reflektiere. Wenn der Nebel sich lichtet, sieht man klarer. Aber eben nicht nur die Farben, die Freude, das Glück. Sondern eben auch den Schmerz, die Abgründe, die Traurigkeit.

Wie es weitergeht? Ich habe kommende Woche einen Termin im Regensburger Bezirksklinikum. Dort möchte ich mich einer Magnetfeldtherapie unterziehen. Diese hilft vielen Patienten bei Depressionen. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Venlafaxin absetzen – UPDATE Februar 2020

Ich bin seit einem guten halben Jahr wieder auf 75 mg. Damit bin ich stabil, auch während Coronazeiten, Home Office und Co. Zusätzlich nehme ich CBD Tropfen zur Unterstützung. Von diesen 75 mg möchte ich nun runter. Deshalb versuche ich auf Anraten meines Psychiaters eine neue Methode. Ich nehme jetzt Fluoxetin und versuche, den Venlafaxin Entzug damit zu lindern. Dieser Weg ist auch bekannt als Effexor-Prozac-Bridge. Außerdem möchte ich zur Art des letzten Absetzversuches aus heutiger Sicht sagen: das war falsch. Die letzten 37,5 mg werde ich nicht mehr auf einen Schlag weglassen. Nicht nach so langer Einnahmezeit. Auch die Zusammenarbeit mit einer neuen Psychologin macht mir neuen Mut.

UPDATE 13.05.2021

Ich bin auf Null. Seit gut zwei Wochen bin ich weg vom Venlafaxin. Für mich war Fluoxetin die passende Alternative, um endlich von diesen Tabletten weg zu kommen. Und auch mein Körpergefühl gewinne ich gerade zurück-  mit der Stoffwechseldiät.

Ich wünsche Euch, dass Ihr es auch schafft. Langsam, beständig und mit vielen lieben Menschen um Euch herum. Ich habe damals außerdem eine Facebook Gruppe für Betroffene gegründet. Venlafaxin absetzen- Erfahrungsaustausch & Unterstützung. Ich habe die Leitung zwar mittlerweile abgegeben, aber sie wird mit großer Sorgfalt von einigen Mitgliedern weitergeführt. Dort findet Ihr alle Infos, wie Ihr richtig absetzt. 

Alles Liebe 

Susi