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Venlafaxin absetzen: wenn der Nebel sich lichtet

Flashback: Oktober 2019. Vor gut drei Wochen habe ich Euch auf Instagram mitgenommen auf meine Reise: Schluss mit Antidepressiva, nach 15 Jahren. Ich wollte endlich mein Medikament Venlafaxin absetzen. Ausgangspunkt: 225mg, Ziel: runter auf Null. Das Ganze hatte ich über zwei Jahre lang stufenweise durchgezogen, habe alle paar Wochen um 37,5 mg reduziert. Und an der letzten Hürde bin ich vor Kurzem gescheitert. Wobei, Scheitern ist hier definitiv das falsche Wort. Denn es ist kompliziert.

Venlafaxin absetzen

Da die wenigsten Menschen wissen, welche körperlichen Zustände man beim Absetzen von Antidepressiva erlebt, habe ich meine Reise auf Instagram dokumentiert. Bei der Recherche habe ich zunächst gelernt, dass es dabei fast egal ist, ob Du ein Antidepressivum sechs Wochen oder sechs Jahre einnimmst. Die Zustände seien immer sehr ähnlich, hieß es. Mein Psychiater allerdings sieht das etwas anders: nach einer jahrelangen Einnahme sei es für den Körper noch viel schwieriger, sich wieder umzustellen. Leuchtet ein, wenn man an all die Synapsen denkt, die sich über Jahre ausbilden. Außerdem macht es auch einen erheblichen Unterschied, welches Medikament man nimmt. Venlafaxin gehört leider zu denen, bei denen es schwierig wird. Rund 70 Prozent der Patienten, die mit Venlafaxin behandelt werden, haben Absetzerscheinungen, wie die österreichische Ärztezeitung berichtet. Vermutlich spielen bei diesen Substanzen der noradrenerge Stoffwechsel sowie die kurzen Halbwertszeiten eine Rolle. „Für diese Hypothese spricht, dass bei Fluoxetin, das eine sehr lange Halbwertszeit von bis zu zwei Wochen hat, solche Absetzsymptome wesentlich seltener auftreten“, heißt es in der Ärztezeitung weiter.

15 Jahre Antidepressiva

Zurück zu meinem Fall. 15 Jahre, so lange habe ich schon mit diesen kleinen Pillen zu tun. Ich verteufele die Tabletten nicht. Ich wusste damals nicht, dass Antidepressiva oft nicht viel mehr bewirken als Placebos. Das zeigen Forschungen, die erst in den letzten Jahren entstanden sind. Ich vertraute damals den Ärzten. Bei der Einnahme von Antidepressiva gibt es zwei wichtige Faktoren zu beachten: erstens muss das Medikament irgendwann wieder (kompliziert und langwierig) ausgeschlichen werden und ist keine Dauerlösung. Zweitens birgt eine medikamentöse Behandlung die Gefahr, dass der Mensch sich komplett darauf verlässt. Einer Therapie und der Suche mit dem Ursprung der Krankheit aus dem Weg zu gehen, funktioniert nur eine gewisse Zeit. Dann sucht sich das Problem einen neuen Weg.

 

Wie alles begann

Ich bin jetzt 36 Jahre alt. Mit 20 bekam ich zum ersten Mal die Diagnose Depression und Panikattacken (heute weiß ich, dass ich schon in meiner Jugend erste Symptome zeigte). Ich wurde in die Klinik eingeliefert und gleich mit Tabletten- damals Citalopram- stabilisiert, da es mir wirklich sehr schlecht ging. Es folgten einige Jahre mit ambulanter Verhaltenstherapie, um herauszufinden, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Wo die Probleme liegen, welche Erlebnisse mich geprägt haben und wie ich sie vielleicht hinter mir lassen kann. Ich wurde langsam wieder stabil. Als ich mit Mitte 20 versuchte, das Medikament abzusetzen, kam die Depression zurück. Ich wurde auf ein neues Medikament aufdosiert- Venlafaxin. Außerdem begann ich eine tiefenpsychologisch basierte Therapie, um weiter an mir zu arbeiten.

Schwangerschaft

Mit Ende 20, genauer gesagt Anfang 2012, wurde ich schwanger. Zu dieser Zeit nahm ich jedoch immer noch 225 mg Venlafaxin und wurde innerhalb von drei Wochen auf 0 abdosiert. Rückblickend weiß ich nicht, wie ich das schnelle Absetzen ausgehalten habe. Wahrscheinlich gaben mir die Hormone und die Tatsache, dass ich ein Kind in mir trug, so viel Kraft, dass ich die Nebenwirkungen besser verarbeiten konnte. 

 

Ein Leben ohne Venlafaxin? Schwierig

Ein Jahr nach der Geburt meiner wunderbaren Tochter folgte der nächste Tiefpunkt. Eine verschleppte Wochenbettdepression zwang mich in die Knie. Heute weiß ich nicht, ob das nur der verspätete Entzug vom Venlafaxin war oder tatsächlich ein Rückfall. Ich trennte mich kurze Zeit später von meinem Partner, zog um, baute mir ein neues Leben auf. Die Tabletten nahm ich bis vergangenes Jahr in genau dieser Dosierung.

Heute

Dann wollte wieder runter von dem Zeug. Die Gründe sind vielfältig. Zum einen habe ich über die Jahre massiv an Gewicht zugenommen. Venlafaxin hat anfangs den Effekt, dass man abnimmt, weil der Körper viel verbrennt. Bei der Langzeiteinnahme geht bei den meisten Patienten aber auch die Zahl auf der Waage hoch, da der Stoffwechsel komplett runterfährt. Bei mir sind es mittlerweile +20 Kilo und ich mag nicht mehr. Außerdem kann ich auch keinen positiven Effekt der Tabletten mehr feststellen. Der Antrieb ist gering, ich bin dauermüde und mein Körper scheint sich schlicht an das Medikament gewöhnt zu haben.

Nebenwirkungen von Venlafaxin

Dazu kommen weitere körperliche Probleme. Und schließlich fühlt sich nicht nur mein Körper, sondern auch meine Seele von der ständigen Medikamenteneinnahme verändert an. Ich bin oft aggressiv, gleichzeitig habe ich Phasen, in denen meine Empfindungen sehr gedrückt sind. “Wer bin ich ohne Tabletten?” Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Ich möchte wieder fühlen, denn ich bin angekommen. Ich habe jetzt schlicht und einfach die Kraft, es ohne Venlafaxin zu versuchen.

frau in natur

Venlafaxin absetzen- ein langer Weg

Venlafaxin absetzen

Also, wieder von vorn. Abdosieren von 225mg, angefangen vor gut eineinhalb Jahren nach meiner letzten Kur. Es war anstrengend, aber machbar. Bis ich von 37,5 mg auf Null gehen wollte. Was dann folgte, war schrecklich. Unfassbar schlimme Albträume, tiefe Traurigkeit, Panikattacken, Schwitzen, Weinkrämpfe, Zaps (fühlen sich an wie Stromstöße). Ganz ehrlich: so stelle ich mir einen Drogenentzug vor. Nach vier Tagen hielt ich es nicht länger aus und nahm die 37,5 mg wieder.

Wie geht es mir jetzt?

Momentan erhole ich mich immer noch von dem letzten Versuch, die Tabletten ganz weg zu lassen. Und ich merke, wie ich auch mit 37,5 mg mit Dingen konfrontiert werde, die ich über Jahre gut verdecken oder verstecken konnte. Sie waren einfach weggedrückt, die ganzen negativen Empfindungen meiner Seele. Mir ging es zwar schlecht, aber mehr oberflächlich. Ich wusste nicht, warum, aber ich musste schlicht funktionieren, auch als Alleinerziehende. Da war kein Platz für so viel Selfcare. Jetzt steht gefühlt jeden Tag ein anderes Thema auf meiner Agenda. Ich analysiere, beobachte, reflektiere. Wenn der Nebel sich lichtet, sieht man klarer. Aber eben nicht nur die Farben, die Freude, das Glück. Sondern auch den Schmerz, die Abgründe, die Traurigkeit. Wie es weitergeht? Ich habe kommende Woche einen Termin im Regensburger Bezirksklinikum. Dort möchte ich mich einer Magnetfeldtherapie unterziehen. Diese hilft vielen Patienten bei Depressionen.

UPDATE Februar 2020

Die Magnetfeldtherapie habe ich absolviert und sie hatte vorübergehend auch für Linderung gesorgt. Leider nicht lange genug. Ich bin seit einem guten halben Jahr wieder auf 75 mg Venlafaxin, Corona made me do it. Zusätzlich nehme ich CBD Tropfen zur Unterstützung. Nichtsdestotrotz möchte ich auf lange Sicht gesehen absetzen, deshalb versuche ich es- auf Anraten meines Psychiaters- mit einer neuen Methode. Ich nehme jetzt Fluoxetin und versuche, den Venlafaxin Entzug damit zu lindern. Dieser Weg ist auch bekannt als Effexor-Prozac-Bridge. Außerdem möchte ich zur Art des letzten Absetzversuches aus heutiger Sicht sagen: das war falsch. Die letzten 37,5 mg würde ich nicht mehr auf einen Schlag weglassen, nicht nach so langer Einnahmezeit. Auch die Zusammenarbeit mit einer neuen Psychologin macht mir neuen Mut. Ich hoffe, die Wellen des Lebens in Zukunft wieder selbst meistern zu können- ohne Venlafaxin.

UPDATE 13.05.2021

Ich bin auf Null. Seit gut zwei Wochen lebe ich ohne Venlafaxin. Für mich war Fluoxetin die passende Alternative, um endlich von diesen Tabletten weg zu kommen. 

UPDATE 01.08.2021

Ich habe nun auch das Fluoxetin wieder abgesetzt. Es hat mir am Ende überhaupt nicht mehr gut getan, da es nach mehreren Monaten Anwendungen plötzlich Panikattacken hervorgerufen hat. Wieder darf man sich hier die Frage stellen, ob wirklich das Fluoxetin “schuld” war oder doch die letzten Reste von Venlafaxin, die aus meinem Körper geleitet werden. Entzugssymptome sind bei Venlafaxin leider bis zu einem Jahr möglich.

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Lieber Leser:innen, bitte seht es mir nach, dass ich keine Emails mehr beantworte.

Das habe ich anfangs getan. Nach mehreren 100 Nachrichten zum Thema “Venlafaxin absetzen” muss ich damit aber aufhören- zu meinem eigenen Wohl. Jede Geschichte muss ganz individuell mit Ärzt:innen und Psychiater:innen besprochen werden. Jede:r von uns hat eine andere Historie, andere Hintergründe, andere körperliche Reaktionen. Ich möchte Euch außerdem davon abraten, Euch stundenlang durch alle möglichen Foren im Netz zu klicken.

Antidepressiva abdosieren- so kann es gelingen

Der wichtigste Link zum Thema Venlafaxin absetzen, den ich für Euch habe, ist der zu einem Buch. Darin findet Ihr wirklich alles, was jetzt für Euch wichtig ist. Geschrieben haben es eine Heilpraktikerin und ihr Mann, der Mediziner ist und seit Jahrzehnten an Antidepressiva forscht. Ihr findet genaue Anleitungen, wie Ihr verschiedene Psychopharmaka ausschleichen könnt und was Euch auf der Reise helfen könnte. Das Buch heißt “Genug geschluckt” und hier geht’s zum Artikel.

Außerdem findet Ihr hier alle Artikel, die Euch weiterhelfen könnten, im Überblick:

WICHTIGE INFO vom 15.9.2022

Studienteilnehmer:innen im Raum Hamburg/ Marburg gesucht

 
Ihr Lieben, ich leite Euch hiermit eine Nachricht von Carina weiter. Sie ist Psychologin und führt im Rahmen ihrer Promotion gemeinsam mit Kolleg:innen aus Hamburg und Marburg die PHEA-Studie durch, in der sie Betroffene beim Absetzen von Antidepressiva ärztlich und psychologisch begleiten.
Die Teilnehmenden der PHEA-Studie profitieren von mehr ärztlichen und psychologischen Gesprächen, als (leider) in der bisher gängigen Praxis beim Absetzen möglich, erhalten eine Aufwandsentschädigung von bis zu 180€ und unterstützen die Entwicklung eines sicheren und effektiven Absetzprogramms.
Eine Teilnahme ist im Großraum Hamburg oder Marburg möglich.
Mehr Infos findet Ihr unter http://phea-studie.de/– melden könnt Ihr Euch via Email unter phea-studie@uke.de