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“Ich bin zu alt für Therapie”- wieso diese Ausrede nicht zieht

Ja, ich habe ihn schon öfter gehört und tatsächlich meist von Männern. Den Spruch: “Ich mach keine Therapie, ich bin zu alt dafür. Ich kann mich eh nicht mehr ändern.” Dass es bei einer Therapie weniger um Ändern als vielmehr um Heilung geht und dass diese in jedem Alter wichtig wäre- scheinbar nicht einleuchtend genug. Anja Pitzke aus Hamburg ist Psychologin und Psychotherapeutin. Zu ihr kommen Menschen jeden Alters: die älteste Patientin ist über 80, der jüngste Patient ist 20 Jahre alt. Die Menschen, die bei ihr Unterstützung suchen, leiden unter Ängsten, Depressionen oder sind mitten in einer Krise. Sie wissen nicht, wie sie hineingeraten sind und wie sie sie bewältigen können. Auslöser für diese Krisen sind meist Ereignisse, die erst kürzlich geschehen sind- aber die tiefer liegenden Ursachen liegen oft viel länger zurück. So beginnt mit der Therapie ein Prozess: die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.

Warum “zu alt für Therapie” kein Argument ist

Was ist dran, an der Aussage: “Ich bin zu alt für Therapie?”

Wie wir über uns und die Welt denken, wie wir uns in ihr erleben und wie wir fühlen, das hat
sehr viel damit zu tun, wie wir aufgewachsen sind. Hatten wir eine sichere oder unsichere
Umwelt, wurden wir geliebt oder gar nicht wahrgenommen? Durften wir uns nach unseren
Fähigkeiten und Vorlieben entwickeln oder mussten wir uns den Vorstellungen Anderer
unterordnen? Gab es Menschen, die an uns geglaubt haben oder erlebten wir uns verloren und als Versager? Das alles sind elementare Fragen, deren Antworten nachhaltige Auswirkungen auf unseren Selbstwert in der Gegenwart haben. Sie haben Einfluss auf unsere Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen und wie wir die Welt erleben, Stichwort Resilienz. Es können wenige große, aber auch viele kleine belastende Erfahrungen in der Vergangenheit sein, die sich auf das aktuelle Leben auswirken. Und manchmal braucht es eben auch Jahre, bis wir bemerken, dass irgendetwas nicht stimmt. Dass wir uns mit bestimmten Bereichen des Lebens schwer tun oder manchmal übergroße Ängste haben, die uns davon abhalten, ein selbst bestimmtes Leben zu führen.

Gibt es einen perfekten Zeitpunkt im Leben, um Vergangenes aufzuarbeiten?

Sicher ist es gut, eine belastende Vergangenheit so früh wie möglich aufzuarbeiten. Dann haben wir die Chance, über eine lange Lebensspanne zufriedener zu leben. Dazu muss aber ein Leidensdruck oder das Bedürfnis entstanden sein, alte Muster zu überwinden. Jeder Mensch hat wunde Punkte und solange wir es schaffen, mit ihnen umzugehen, ohne dass ein Schmerz entsteht oder wir uns eingeschränkt fühlen, besteht schlicht keine Notwendigkeit, Vergangenes zu bearbeiten. Doch wenn das Leben große Herausforderungen mit sich bringt, kann in jeder Lebensphase lange Verdrängtes an die Oberfläche kommen. Dann reicht die Kraft nicht aus, Belastendes zu kompensieren und gleichzeitig eine Krise in der Gegenwart zu bewältigen. Das kann in jedem Alter geschehen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit führt also dazu, dass es uns besser geht, dass wir neue, hilfreiche Erfahrungen machen und uns in schwierigen Lebenslagen selbst helfen können.

Therapie ist in jedem Alter möglich- und wichtig

Wir wissen nicht, wieviel Zeit wir im und für das Leben haben. Doch selbst wenn der Blick nach vorne nicht mehr lang ist, sollten wir die verbleibende Zeit so gestalten, dass es uns möglichst gut geht. Dass wir in der Lage sind, Herausforderungen zu meistern und letztlich das Leben, so, wie es ist, anzunehmen. Es geht also nicht um die Anzahl der Jahre, die bleiben, sondern viel eher darum, WIE sie sind. Und deshalb ist es in jeder Lebensphase wichtig, Belastendes aus der Vergangenheit aufzuarbeiten, wenn es uns daran hindert, ein selbst bestimmtes Leben zu führen.

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Gastautorin Anja Pitzke

Gastautorin dieses Artikels ist Anja Pitzke, Autorin, Psychotherapeutin und Psychologin aus Hamburg. Sie schreibt psychologische Romane über Beziehungen, in denen Ängste,
Sehnsüchte, innere Widersprüche und psychische Abgründe aufgedeckt werden und dadurch Entwicklung möglich wird.

In diesen Tagen erscheint Pitzkes neuer Roman „Morgen fangen wir an“.

Inhalt: Ella erfährt durch Zufall, dass ihre Jugendliebe Luke todkrank ist und bald sterben wird. Das reißt sie komplett aus ihrem geordneten Leben. Ein verstörendes Ereignis hat die beiden vor 28 Jahren getrennt- nun setzt Ella alles daran, herauszufinden, warum Luke sie damals verraten hat. Damit riskiert sie nicht nur ihre Ehe mit Marc, sondern alles, was ihr bisher wichtig schien. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, die bleibt, um mit Luke Vergangenes aufzuarbeiten und herauszufinden, was sie immer noch mit ihm verbindet.

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