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Warum es so wichtig ist, ein Cycle Breaker zu sein

Vor ein paar Monaten stieß ich das erste Mal auf dieses Wort: Cycle Breaker. Und seitdem beschäftigt mich das Thema. Ein Cycle Breaker (wörtlich: “Zyklus-Brecher”) ist jemand, der schädliche oder dysfunktionale Muster in seiner Familie erkennt und beschließt, diese zu unterbrechen. Dafür verhält er sich anders, als der Rest der Familie es erwartetet- und so kommt eine komplett neue Dynamik ins Spiel. Natürlich sorgt das auch für Konflikte, denn wer Strukturen anzweifelt und durchbricht, wird nicht selten ausgestoßen. Dennoch erreicht der Cycle Breaker vor allem eines: er eröffnet die Möglichkeit, Traumata zu beenden.

Cycle Breaker: Transgenerationales Trauma überwinden

Nicht selten halten sich Lebenseinstellungen, Verhaltensweisen und somit auch Probleme über Generationen hinweg. Ein Kind, das von der Mutter keine Liebe bekommen hat, tut sich später vielleicht auch schwer. Eine Kindheit voller Gewalt sorgt auch im Erwachsenenalter für den Hang, Konflikte ähnlich zu klären. Einfach, weil der bzw. die Betroffene keinen anderen Weg kennengelernt hat. Um aber erlittene Traumata nicht weiter zu geben, ist es enorm wichtig, sich zu reflektieren. Das braucht Zeit und bringt manchmal auch sehr schmerzhafte Erfahrungen mit sich. Das Durchbrechen eines Kreislaufs beinhaltet sowohl tiefe introspektive Arbeit als auch absichtliche Verhaltensänderungen.

Kreisläufe der Herkunftsfamilie durchbrechen- die Aufgabe des Cycle Breaker

Das Wort “Cycle Breaker” mag also neu sein, das Konzept ist es nicht. Es wurzelt in der systemischen Psychologie und erkennt die Rolle von Kontext, Kultur, Geschichte, Trauma und Resilienz in Familien für die eigene Entwicklung an. Unsere Eigenschaften und Verhaltensweisen sind eben nicht nur Ergebnis einer ganz individuellen Reise, sondern auch von unseren Eltern, Groß- und Urgroßeltern geprägt. Um das ganze besser zu verstehen, habe ich mir die Regensburger Psychologin Juliane Funk ins Boot geholt. Sie sagt: “Per se ist das Lernen von der Generation vorher nichts Schlechtes, sondern erlaubt, Lernerfahrungen implizit an die nächsten Generationen (im Sinne der Evolution) weiterzugeben. Problematisch wird es erst, wenn dysfunktionale Verhaltensweisen durch dieses transgenerationale Erbe weitergegeben werden und somit den nachfolgenden Generationen schaden.”

Transgenerationales Trauma: ein Beispiel

Um das ganze zu verstehen, schauen wir uns folgenden Fall an: Eine junge Frau namens Miri bemerkt, dass sie jedes Mal vor Wut kocht, wenn ihre vierjährige Tochter Elisa beim Spielen etwas laut ist. Es scheint fast, als geriete Miri dann sofort in Alarmbereitschaft. Sie versucht, den Lärm so schnell wie möglich zu beenden und hört sich zu Elisa solche Dinge sagen wie „Sei endlich still, sonst gibt’s richtig Ärger“ und „Du bist echt zu dumm, dich zu benehmen“. Elisa weint daraufhin und glaubt, ihre Mutter würde sie gar nicht lieben, sie fühlt sich abgelehnt. Auch Miri wundert sich darüber, wie harsch sie mit ihrer Tochter umgegangen ist. Ihr Verhalten entspricht so gar nicht dem, wie sie Elisa eigentlich erziehen möchte. Wenn Elisa später selbst einmal Mutter wird, reagiert sie auf den Lärm ihrer Kinder ebenso sensibel- und der Zyklus beginnt von Neuem.

Es ist wichtig zu verstehen, welche Erfahrungen uns zu dem Menschen gemacht haben, der wir heute sind.

Das große Warum

Wenn wir Miri fragen würden, was mit ihr als kleines Kind passiert ist, wenn es beim Spielen mal etwas lauter zugegangen ist, würde sie Folgendes erzählen: Als sie klein war, hatte ihre Mutter häufig durch Lärm ausgelöste Migräneanfälle und lag dann mindestens einen Tag flach. Sie erinnert sich an eine Situation von früher, bei der sie als Vierjährige mit einem Nachbarsjungen Fangen gespielt und dabei auch vor Aufregung freudig geschrien hat. Ihr Vater hat sie daraufhin abgefangen, fest an den Armen gepackt und sie wutentbrannt ermahnt, sofort leise zu sein. Sonst müsse sie ihr Essen selbst kochen, wenn die Mutter wieder wegen Migräne ausfalle. Als Kind hat Miri daraus gelernt, sich vor den Konsequenzen zu schützen, indem sie nach dieser Erfahrung Lärm vermieden hat.

Gestern und Heute vermischen sich

Im Hier und Jetzt jedoch wird sie auf Elisa wütend, obwohl sich die Gegebenheiten geändert haben. Freudiges Kindergeschrei hat nicht mehr diese gravierenden Folgen wie früher, ihre extreme Wut ist also eine Reaktion auf die Vergangenheit, nicht auf die Gegenwart. Das Muster hat sich über Generationen weitergezogen und wird auch sichtbar, als Elisa selbst wieder Mutter geworden ist. Wenn dieses Muster nicht verändert wird, kann sich so etwas immer weiter durch nachfolgende Generationen ziehen und dabei sehr viel Leid verursachen. Was kann man also tun?

Verstrickungen lösen- ja bitte!

Wie werde ich zum Cycle Breaker?

Es ist oft schwer zu erkennen, dass wir eigentlich nicht auf die aktuelle Situation reagieren, sondern auf eine Situation in der Vergangenheit- wir uns sozusagen in einem dysfunktionalen transgenerationalen Zyklus befinden. Es ist aber möglich, seinem eigenen transgenerationalem Erbe auf den Grund zu gehen und den Zyklus zu durchbrechen.

Schritt 1: Introspektion

Wir fragen uns zunächst, welche Verhaltensweise unseres Kindes oder Gegenübers die stärkste negative Reaktion in uns auslöst. Im nächsten Schritt überlegen wir uns, was (mit uns) passiert ist/wäre, wenn wir als Kind dieses Verhalten gezeigt haben/hätten. Wir spüren in uns hinein, welche Gefühle dabei aufkommen. Oft führt bereits das Bewusstsein darüber, wo unsere Reaktion eigentlich herkommt, dazu, dass wir uns besser davon distanzieren und unsere Reaktion mehr auf die Gegenwart anpassen können.

Schritt 2: Verhaltensmuster verändern

Wenn wir in einer akuten Konfliktsituation sind und wieder ein starkes unangenehmes Gefühl in uns aufkommt, ist es essenziell, sich Zeit zu verschaffen. Eine Reaktion, z.B. aus einer übermäßigen Wut oder gar einem Kontrollverlust heraus, wird weder für uns noch für unser Gegenüber konstruktiv sein. Wichtig ist es, unserem Kind eine Perspektive zu geben, damit es nicht das Gefühl hat, alleingelassen zu werden. Folgende Sätze können uns dabei helfen: „Ich brauche gerade etwas Zeit, um mit der Situation klarzukommen. Ich gehe nun woanders hin und beruhige mich. In 15 Minuten komme ich wieder zu dir zurück und wir klären die Sache“. Nebenbei sind wir dadurch ein gutes Lernmodell, wie man kompetent Konflikte löst. In der Zeit, die wir uns dadurch verschafft haben, fragen wir uns, ob wir gerade wirklich auf die aktuelle Situation und auf Gegenüber reagieren. Oder hat unsere Reaktion eher etwas mit unserer Vergangenheit zu tun?

Reflektion und Aktion

Wir fragen uns, was wir selbst in der Vergangenheit als Kind in einer ähnlichen Situation gebraucht hätten und überlegen, wie wir das umsetzen könnten. Durch die beiden Schritte Introspektion und Veränderung unserer Verhaltensmuster, können wir den Zyklus durchbrechen. Unsere Kinder/Gegenüber werden aus diesen Situationen keine Gefühle von Ablehnung oder Abwertung mitnehmen, sondern an unserem Modell lernen, mit negativen Gefühlen umzugehen. Das wäre doch etwas, was wir gerne auch an die nächsten Generationen weitergeben, oder?!
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In manchen Fällen reichen diese zwei Schritte aber nicht aus, was unterschiedliche Gründe haben kann. Die Verletzungen sitzen zu tief, die Muster sind nicht so offensichtlich erkennbar oder zu hartnäckig, um sie allein zu verändern. In solchen Momenten lohnt es sich, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Die Reflexion mit einem bzw. einer Therapeut:in kann für das Durchbrechen dysfunktionaler transgenerationaler Zyklen sehr hilfreich sein.

Ein Buch, was ich außerdem allen Interessierten ans Herz legen kann, ist:

Zur Expertin: 

Juliane Funk (Foto: Helmut Grünkohl)

Juliane Funk ist Psychologin, M.Sc. und psychologische Psychotherapeutin i.A. in Regensburg. Während ihres Psychologie-Studiums ließ sie sich außerdem zum Coach für Positive Psychologie an der Paris-Lodron-Universität Salzburg ausbilden. In ihrer Privatpraxis in Regensburg bietet sie Einzelberatungen, Psychotherapie auf Grundlage des Heilpraktiker-Gesetzes und die Masterclass “Wieder Zufrieden” an. Die Masterclass eignet sich besonders gut für Therapie- Einsteiger:innen, die nächste Runde startet Anfang Dezember.

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Mehr zum Thema Mentale Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung findet Ihr übrigens hier.