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Genug geschluckt- wie das Absetzen von Psychopharmaka gelingen kann

Panikattacken, Brainzaps, innere Unruhe, Psychosen: Psychopharmaka-Entzug gehört zum Schlimmsten, was ein Mensch erleben kann. Und ja, auch ich bin diesen Weg schon gegangen. Mehrere Male. Hätte ich mit 20 gewusst, wie sehr mich diese Tabletten verändern und wie schwer es wird, sie wieder loszuwerden- ich hätte es mir zweimal überlegt, sie zu nehmen. Antidepressiva und Angstlösende Mittel sind tatsächlich Fluch und Segen zugleich. Denn in einer Situation, in der der Mensch ganz tief am Boden ist, können sie Leben retten. Doch was passiert danach? Nach monate-, vielleicht sogar jahrelanger Einnahme? Wie oft höre ich die Frage: “Wie werde ich dieses Zeug wieder los?!”

Genug geschluckt

Mahinda Ansari und Dr. Peter Ansari

Genau diese Frage beschäftigt das Ehepaar Mahinda und Dr. Peter Ansari seit vielen Jahren. Mahinda Ansari ist Diplom-Sprecherzieherin und war für den SWR und die ARD als Moderatorin tätig. Heute arbeitet sie als Heilpraktikerin. Ihr Mann Dr. Peter Ansari war an der Universitätsklinik in Hamburg und an der Charité in Berlin in der Gehirnforschung tätig. Er hat zehn Jahre über Antidepressiva geforscht und darüber an der medizinischen Hochschule Hannover seine Doktorarbeit verfasst. Gemeinsam betreuen die Ansaris heute in ihrer Praxis Menschen mit seelischen Erkrankungen. Ich kenne die beiden bereits von ihrem Buch “Unglück auf Rezept”. Jetzt ist ihr neues Werk erschienen: “Genug geschluckt. Raus aus der Medikamentenfalle”.

Antidepressiva absetzen muss gut geplant sein

Die wenigsten Menschen wissen, was für unfassbare Probleme es geben kann, wenn sie ihre Medikamente gegen psychische Leiden wieder loswerden wollen. Das Thema “Absetzen” ist bisher schlicht noch nicht im medizinischen Alltag angekommen. Das häufigste Problem: Patient:innen setzen ihre Antidepressiva viel zu schnell ab und geraten dadurch in entsetzliche Krisen.

“Wir wollen seelisches Leid nicht verharmlosen. Aus eigener, schmerzhafter Erfahrung wissen wir, wie schwer es auszuhalten und wie stark es das Leben verändern kann. Unser Anliegen ist es, psychischen Krankheiten den Schrecken zu nehmen. Dazu ist es notwendig, sie aus der Ecke der Unheilbarkeit herauszuholen. Das Wissen darüber, wie man die Medikamente wieder absetzt, ist der Schlüssel dazu.”

Mahinda Ansari

Und die Absetzerscheinungen sind nur ein Teil des Problems. Viele Betroffene erleben durch zu schnelles Absetzen sogar einen Rückfall. Schnell werden dann die Tabletten wieder aufdosiert- ein Teufelskreis. Doch wie können wir diesem Zyklus entkommen?

Schlüsselbegriff: Sanfter Entzug

In erster Linie funktioniert der Weg des Entzuges GANZ GANZ LANGSAM. Das musste ich selbst schon schmerzhaft erfahren und das empfehlen auch die Absetzexperten Mahinda und Peter Ansari. Für das langsame Ausschleichen der Medikamente gibt es verschiedene Ansätze, die auch alle im Buch beschrieben werden. Erwähnt werden neben den Tapering Strips auch das Kügelchen zählen, die mfc Methode oder die Wasserlösemethode. Das Buch enthält außerdem individualisierbare Absetzpläne, weist auf Schwierigkeiten hin und erklärt, was nach dem erfolgreichen Absetzen zu beachten ist. Für die begleitende und präventive Behandlung geben die beiden Autor:innen Tipps in Sachen pflanzliche Unterstützung, psychosoziale Hilfen sowie Entspannungstechniken, Musik und Spiritualität.

Fazit: Genug geschluckt

Ich kann dieses Buch wirklich nur aus tiefstem Herzen empfehlen und wünschte, ich hätte es schon vor einigen Jahren gelesen. Mir wären einige wirklich schlimme Tage erspart geblieben. Und ich hätte es mir auch sparen können, in Betroffenen-Foren stundenlang nach Infos zu suchen. Denn seien wir ehrlich: es ist zwar gut, die Erfahrungen anderer zu lesen. Das Gefühl, nicht allein zu sein, tröstet. Aber in Foren mit über 1000 Menschen sind die Fragen oft konfus und die Prognosen niederschmetternd. Die Schicksale sind so verschieden und jeder Mensch reagiert anders.

Dieses Buch jedoch fasst alle Ansätze zusammen und ist die ideale Kombination aus Selbsterfahrung und ärztlichem Rat. Wenn Ihr ohne Antidepressiva leben möchtet, dann solltet Ihr dieses Buch definitiv gelesen haben.