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Corona 4.0- Explodierende Zahlen & Impfdebatte: Wie schützen wir unsere Psyche?

Ich gebe zu, meine Lieben: es ist eine sehr anstrengende Zeit. Denn Corona hat uns auch fast zwei Jahre nach Ausbruch noch fest im Griff. Tipps für mehr Gelassenheit in der Krise reichen heute nicht mehr aus. Denn damals wussten wir nicht, wie lange es dauern würde. Wir hatten Hoffnung. Und dann kam die Deltavariante, explodierende Zahlen und die Impfdebatte. Heute sind wir müde. Immer mehr Menschen aus unserem Umfeld erkranken, während andere sich vor dem Impfen drücken. Die derzeitige Situation belastet also nicht nur unseren Alltag, sondern immer mehr auch unsere Beziehungen. Viele von Euch berichten mir auf Instagram, dass der Streit über die Corona-Maßnahmen Freundschaften und sogar Familien spaltet. Klar, wenn man dem Gegenüber unterstellt, er wäre unfähig oder würde nichts verstehen.

Impfdebatte & Co: wie mit dem Konflikt umgehen?

Und weil ich bei dem Thema selbst an meine Grenzen gelange, habe ich mir Unterstützung geholt: die Psychologin Linda-Marlen Leinweber.

Liebe Linda, eine Frage wird mir auf Instagram besonders oft gestellt: “Wie kann ich mit Menschen umgehen, die sich nicht impfen lassen wollen?

Wenn sich Menschen in meinem Umfeld sich nicht impfen lassen wollen, ist der häufigste Grund fehlendes Vertrauen. Fehlendes Vertrauen in die Wirkung, die Regierung oder gar das gesellschaftliche System. Und damit führen wir eine Diskussion über Werte und Einstellungen, die auseinander gehen. In der Psychologie gibt es das Seerosenmodell.

Stell dir eine Seerose vor:

  • Sie hat Wurzeln, die stehen für unsere Werte. Diese Wurzeln sind tief in der Erde verankert und lassen sich bei Menschen kaum verändern.
  • Der Stängel der Seerose steht für die Einstellungen, die wir haben. Politische, ideologische Überzeugungen, was gut oder was schlecht ist. Der Stängel bewegt sich sanft im Wasser, d.h. diese Einstellungen lassen sich verändern, aber nur mit eigenem Leidensdruck oder intrinsischer Motivation, diese kritisch zu überdenken. Denn dein Gehirn möchte jede Anstrengung vermeiden, bereits gebildete Überzeugungen zu verändern.
  • Und die Blüte der Seerose steht für unser Verhalten, das von außen sichtbar ist. Das ist am leichtesten zu verändern, entspringt aber aus den Werten und Einstellungen.

Wir sprechen zwar über das ImpfVERHALTEN, müssten uns aber in meinen Augen eher die
dahinterliegenden Einstellungen und Überzeugungen anschauen, wenn wir verstehen wollen, warum sich menschliches Verhalten nicht ändert. Zusätzlich gehört Gesundheit zu den hochsensiblen personenbezogenen Daten, d.h. es ist ein schwieriges Feld, um eine öffentliche Diskussion zu führen. 

Das heißt für mich: Ich soll gar nicht erst versuchen, jemanden umzustimmen?

Das kommt darauf an, wieviel Zeit und Kraft du investieren kannst und willst. Am Ende zählt dein eigenes Wohl. 

Wie kann ich mit dem Schmerz umgehen, wenn eine Freundschaft oder sogar eine familiäre Beziehung aufgrund des Themas zerbricht?

Das Ende einer Beziehung bedeutete immer Schmerz. Gerade dann, wenn es sich so „vermeidbar“ anfühlt. „Eigentlich“ passt doch alles außer dieser „Kleinigkeit“, dass wir anders zu dem Thema Impfen stehen. Ich denke, das erste Eingeständnis, das wir uns machen müssen, ist, dass es keine Kleinigkeit ist. Es haben sich Strömungen entwickelt, die mit politischen und idiologischen Gruppierungen zu vergleichen sind. Sieht man das Thema Impfen in diesem Licht, fällt es vielleicht leichter, sich hier eine gesunde Abgrenzung zu erlauben. Besonders herausfordernd wird es, wenn es die eigene Familie oder den eigenen Partner betrifft. Aber auch hier gilt: nur weil du mit jemandem verwandt bist oder die Person schon sehr lange kennst, heißt es nicht, dass dir die Beziehung automatisch gut tut. Du darfst bestimmen, welche Menschen du nahe in dein Leben lässt. Denn vergesse nie:  Du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du dich umgibst.

Du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du dich umgibst

Ihre Ängste, Überzeugungen, Stimmungen und vieles mehr färben auf dich ab. Frag dich, ob du das wirklich möchtest.

Wie können wir besser mit der Angst zurecht kommen, die momentan täglich herrscht? Die Angst vor Lockdown, Übergriffen, sozialem Chaos?

Unkontrollierbares, Ungewohntes und Ungewöhnliches machen dem Menschen Angst. Das liegt in unserer Natur. Der momentane Zustand erfüllt alle drei. Lockdown und die Einschränkungen des „normalen Lebens“ sind zudem Rahmenbedingungen, die gegen die psychologischen Grundbedürfnisse nach Vorhersagbarkeit, Selbstbestimmung und Bindung sprechen. Deiner Psyche fehlt der Kontakt zu geliebten Menschen, wir WOLLEN wissen, WIE es weiter geht und WANN es aufhört. Es ist also mehr als nachvollziehbar, dass Ängste generell zugenommen haben. Verschiedene Strategien können helfen, besser mit dieser Angst umzugehen.

Strategien zum Umgang mit Angst

1. Reduziere die Informationsflut auf das Nötigste.
2. Schaue nur vertrauenswürdige und seriöse Medienbeiträge.
3. Vermeide Zeiten für Medien kurz vor dem Schlafen gehen und kurz nach dem Aufwachen, hier sind wir viel emotionaler.
4. Setze den Fokus auf dich!

  •  Baue dir eine Tagesstruktur, die DIR gut tut – halte dich an ähnliche Schlafens-, Essens-, Arbeits- und Pausenzeiten.
  • Bewege dich jeden Tag mindestens 30 Minuten.
  • Ernähre dich gut und ausgewogen! Ein gesunder Darm stärkt eine gesunde Psyche.
  •  Baue dir bewusst kleine Highlights in den Tag! Werde kreativ und frag dich, wie du die Zeit für DICH gut nutzen kannst. 

5. Beginne zu meditieren: Angst-Gedanken sind auch „nur“ Gedanken. Wir können sie weiterziehen lassen und lernen, nicht alles zu glauben, was wir denken.
6. Umgib dich mit positiven Menschen und sprecht bewusst über andere Themen als Corona und die damit verbunden Maßnahmen.
7. Führe ein Dankbarkeitstagebuch und schreibe jeden Abend 3 Dinge auf, die dich kurz happy gemacht haben.
8. Nimm dir jeden Tag 10 Minuten „Grübelzeit“ – in dieser Zeit DARFST du alles Negative denken! Schreib alle Gedanken auf. Fordere sie sogar heraus, zu kommen. Denn je mehr wir dagegen ankämpfen, etwas nicht denken zu wollen, desto stärker wird die Kraft. Erlaubst du es dir, wird es oft besser. Plus: alles was auf Papier steht, ist weniger im Kopf.
9. Suche dir professionelle Unterstützung, wenn du das Gefühl hast, dass dich deine Angst in eine Vermeidung drängt, die verhindert, dass du dein Leben leben kannst.

Linda, vielen Dank für Deine wertvollen Tipps!

 

Wer mehr über Linda-Marlen Leinweber erfahren möchte:  Die 33-Jährige ist seit über 7 Jahren praktizierende Psychologin, zertifizierter Coach und Heilpraktikerin der Psychotherapie. Sie arbeitet via 1 : 1 Online-Coachings, gibt digitale Workshops zum Thema mental health, ist Speakerin und investiert viel Zeit in ihren tik tok und Instagram Kanal.

Linda Leinweber – Foto: Sarah Schultheiss

Ihre Fokusthemen im präventiven Bereich sind: Stressmanagement, Resilienz, Beziehungsfragen und Selbstliebe. Außerdem begleitet sie Menschen therapeutisch bei der Überwindung von Panikattacken.

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